vom greis zum baby
          vom brot zum weizenkorn
          vom menschen zum dinosaurier
          vom gipfel zum tal
          von der mündung zur quelle
          vom frosch zum laich
          vom schmetterling zur raupe
          vom riesen zum zwerg
          vom ozonloch zum sonnenstrahl
          vom freund zum feind
          oder doch lieber vom feind zum freund?

          vom tod zum leben
          vom schuss zum revolver
          von hiroshima zu den amis
          vom verfehlten hitler-attentat
          zum gelungenen tyrannenmord
          vom terroristen zum weltverbesserer
          krebs nur noch rückwärts ...

          was ist dann gut
          und was ist trotzdem schlecht?
                  
          (Rückwärts von Edith Nikolajsen aus Dullnraamer No. 11)


Wir trauern um unsere ehemalige Werkstatt-Sprecherin, unsere Freundin und Kollegin

Edith Nikolajsen
(1947 – 2017)


Unsere Edith ist tot.

Was das für die Werkstatt Nürnberg-Fürth und den Werkkreis Literatur der Arbeitswelt bedeutet, können wir noch gar nicht richtig fassen. Olga hat es so formuliert: „Sie war eine starke Frau mit liebevoller Seele und unbeirrbarem Glauben an das Gute“. Ja, sie war die Seele unserer literarischen Arbeitsgemeinschaft, stets präsent, auch wenn sie in letzter Zeit immer häufiger nach den Strapazen ihrer regelmäßigen Chemotherapie nicht bei uns sein konnte. Sie hat so tapfer gekämpft gegen diese heimtückische Krankheit und jede Chance genutzt, ihr mühsam ein paar Lebensjahre abzutrotzen. Kurz vor ihrem 70. Geburtstag ist sie nun gestorben.

Edith hat uns mitgenommen in ihren Geschichten, zu Liebesabenteuern auf der ersten deutschen Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth, auf die legendären Kanalfahrten mit den Schlagrahmdampfern, zu Badefreuden im aufwändig organisierten Nachkriegswännla, zu Lehrjahren zwischen Schreibmaschine und Computer. Und sie hat engagierte Gedichte geschrieben. Ihr soziales Engagement ist keiner politischen Ideologie entsprungen, sondern einer tätigen christlichen Nächstenliebe. Sie hat das Jesuswort „Was ihr dem geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan“ zum Leitmotiv ihrer beruflichen wie literarischen Tätigkeit gewählt und danach gehandelt, ob im Dienst der evangelischen Kirche und deren Arbeitslosen-Projekt oder in ihrem literarischen Wirken. Nach ersten Schreibversuchen in Gudrun Vollmuths Wendelsteiner Schreibwerkstatt ist sie zu uns gestoßen, war unsere Werkstatt-Sprecherin in schwierigen Zeiten und hat bis zuletzt die Finanzen unserer Werkstatt verwaltet.

Seit Jahren wird der Werkkreis von einigen abgewanderten Literaten für tot erklärt oder als untoter Zombie verspottet, weder tot noch lebendig. Und immer wieder zeigt sich dank dem Einsatz von Menschen wie Edith, dass er lebt und immer weiter literarische Antworten sucht auf die sozialen und politischen Probleme unserer Zeit. Dass Edith noch erleben durfte, wie in letzter Zeit wieder neue junge Talente zu uns gestoßen sind, wird sie gefreut und getröstet haben als ein Zeichen, dass der Kampf ums Weiterleben nicht vergebens ist. Wir sehen Ediths mutigen Kampf gegen den Krebs auch als Ermutigung, in ihrem Sinn weiter zu arbeiten und anzuschreiben gegen die politischenKrebsgeschwüre einer zutiefst ungerechten Gesellschaft. (MS)




          Die Wärmestubensaison ist zu Ende.
               Aus den U-Bahnstationen
                 kommen sie wieder 
                  ans Tageslicht.

               Parkbank im Stadtgraben
             Unter den sonnengelben Blüten
               des Forsythienstrauches
          grinst auf dickbauchiger Flasche
              ein Gesicht: Bauerntrunk
         Zwei Liter Vergessen für wenig Geld.

                   Der Wind trägt
                den bittersüßen Duft
                des Weißdorns herüber.
                            
  (Frühling von Monika Rohr aus Dullnraamer No. 11)


Wir trauern um unsere ehemalige Werkstatt-Sprecherin, unsere Freundin und Kollegin

Monika Rohr
(2016 †)


Die Werkstatt Nürnberg-Fürth im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt e.V. trauert um ihre Werkstatt-Sprecherin Monika Rohr. Bis zuletzt war sie für die Werkstatt aktiv und hat noch das umfangreiche Textbuch „Dullnraamer No. 11“ mit zusammengestellt und redigiert, dessen Erscheinen und Vorstellung sie nun leider nicht mehr erleben durfte. In der Nacht zum 2. November ist sie 76jährig nach kurzer schwerer Krankheit in Nürnberg gestorben.

Monika Rohr wurde am 20. Juli 1940, im ersten Jahr des Zweiten Weltkriegs, in Nürnberg als Kind einer ledigen Fabrikarbeiterin geboren und ist aufgewachsen in einem katholischen Kinderheim. Ihre sprachliche Begabung wurde bereits in der dort angeschlossenen Volksschule erkannt und gefördert. 1954, wieder in der Obhut der Mutter, begann sie mit der Ausbildung für den mittleren nichttechnischen Verwaltungsdienst eine Beamtenlaufbahn. 1961, mit 21 Jahren, hat sie ihren ersten Sohn geboren, dem zwei weitere folgten. „Mein Gatte überließ mir die alleinige Verantwortung für die Familie. So lernte ich notgedrungen die Arbeitswelt in all ihren Facetten – Putzfrau, Maschinenarbeit im Akkord, Büro usw. – ziemlich gut kennen“, schrieb sie über ihren weiteren, nicht leichten Lebenslauf, der ihr politisches Bewusstsein schärfte. Nach ihrer Scheidung machte sie eine Sekretärinnen- und Buchhaltungsausbildung mit IHK-Prüfung. Aber mit 38 Jahren hielt man sie für zu alt für eine feste Anstellung. Ihr blieben nur Leiharbeit und Niedriglohn-Jobs mit Hartz-IV. Doch resigniert hat sie nie, sondern ihre politischen Lernprozesse verarbeitet in Lyrik und Prosa, seit 1978 als Mitglied des Werkkreises.

Der Werkstatt Nürnberg-Fürth wird ihre engagierte, scharfsichtige, sprachbegabte und diskussionsfreudige Mitarbeit sehr fehlen. Die Buchpräsentationen des von ihr mitredigierten Textmagazins „Dullnraamer No.11“ am 22. November um 19 Uhr im Nürnberger Gewerkschaftshaus und am 27. November um 17 Uhr in der Fürther Kofferfabrik werden nun auch zu Gedenklesungen für unsere verstorbene Werkstatt-Sprecherin. (MS)


          Er geht hinaus in die Nacht
          mit seinen Träumen
          die heute
          ihre Blätter verloren haben
                  
          (Wolfgang A. Senft)


Wir trauern um unseren ehemaligen Werkstatt-Sprecher, unseren Freund und Kollegen

Wolfgang Alexander Senft
(1956 – 2009)


Er hatte Träume und engagierte sich für sie, als Sozialarbeiter, als Literat, als Mensch. In der regionalen Literaturszene, in der Arbeit mit Suchtgefährdeten, mit straffälligen Jugendlichen. Er war schwierig und machte es seinen Mitmenschen oft nicht leicht. Er war ein Kämpfer, der nicht so schnell aufgab. Seine gesundheitlichen, beruflichen und persönlichen Probleme brachten ihn an einen Punkt, an dem ihm auch seine zahlreichen Freunde wohl nicht mehr helfen konnten. Wir werden ihn und sein soziales, politisches und literarisches Engagement nicht vergessen.

Für die Werkstatt Nürnberg
im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt e.V.

Manfred Schwab    Edith Nikolajsen

Nachruf auf Wolfgang A. Senft

„‚Positiv leben’ – das hat für Wolfgang Senft eine doppelte Bedeutung“, schrieben die Fürther Nachrichten 1998 anlässlich der Vorstellung seines Gedichtbandes „und trotzdem …“: „Er ist HIV-positiv und will dieses Todesurteil auf Zeit als Zeichen nehmen, bewusster zu leben.“ Und sie zitierten aus seinem Gedichtbändchen: „Positiv – trotzdem will ich leben, Positiv – trotzdem will ich lachen, Positiv – trotzdem will ich lieben.“ Das war für ihn programmatisch, das hieß nicht nur zwanzig Jahre lang mit der Aids-Angst zu leben. Das hieß für ihn gleichzeitig, sich zu seinem Anders-Sein zu bekennen und sich für Andere, für Leidensgefährten, für sozial Benachteiligte, Drogenabhängige, straffällig Gewordene einzusetzen. Und das alles literarisch zu verarbeiten.

Sein soziales und politisches Engagement führte ihn in den Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, wo er sich acht Jahre lang als Sprecher der Nürnberger Werkstatt engagierte. Für die letzten drei Ausgaben des Werkstatt-Textmagazins „Dullnraamer“ Nr.8 bis 10 zeichnete er redaktionell verantwortlich, und er prägte ihnen seinen ganz persönlichen Stempel auf. Besonders bemerkenswert ist der 2007 erschienene Jubiläums-Dullnraamer No. 10, ein 256 Seiten starkes, sehr gelungenes „Nürnberger Lesebuch für Literatur der Arbeitswelt“. Ein anderes Projekt, das ihm sehr am Herzen lag, war die von ihm gegründete und organisierte Schreibgruppe „Beschriebene Blätter“ mit jungen Strafgefangenen in der Justizvollzugsanstalt Ebrach. Daraus entstand 2006 die viel beachtete kleine Anthologie „Stumme Schreie“. Brücken des Verständnisses, der Annäherung wollte er damit schaffen, Wege ebnen, wie er im Nachwort schrieb: „Aus vielen Mosaiksteinen entsteht manchmal ein kleines Kunstwerk“. Nach außen hin ein Raubein, eine ungeduldige Kämpfernatur, die vielfach aneckte, zeigen seine eigenen Texte einen anderen Menschen: einen empfindsamen, mitleidenden, liebenden Menschen, der Träume hat und der sich dafür engagiert, dass sie keine Träume bleiben. Der Trost spenden und Mut machen will. Trotz aller eigenen Schwierigkeiten und Depressionen. Die nahmen in letzter Zeit immer mehr überhand. Als er nicht mehr in der Lage war Anderen zu helfen, sah er – 52 Jahre alt – wohl auch für sich selbst keinen Daseinssinn und in dieser Gesellschaft keine Perspektive mehr, als sich am 15. Januar 2009 aus seiner Wohnung am Nürnberger Westtorgraben in die Tiefe zu stürzen.

Von seiner unerfüllten Sehnsucht nach Unbeschwertheit und Harmonie zeugen viele seiner Gedichte:


          Ich liege zwischen Gras und Getreide
          mein Körper wird eins
          eins mit dieser einmaligen Komposition des Augenblicks.

          Ich liege zwischen Gras und Getreide
          und fühle mich so leicht
          unheimlich leicht
          glaube zu schweben ...

M. S.